Blogverzeichnis
Die Frage im Titel ist bewusst provokant gestellt, ich bin der Meinung das Arbeitszeit und Erfolg nicht zwangsweise miteinander korrelieren.

Inspiriert wurde ich für dieser Blogeintrag durch ein Gespräch von Kollegen im Aufzug letzte Woche. Es waren Strategieberater und sie unterhielten sich über Arbeitszeiten.

Ich bin diesen Montag das erste Mal dieses Jahr vor 0 Uhr ins Hotel gekommen.

Die Kollegin erwiderte fast stolz: „Ja, bei mir ging es gestern auch bis 2 Uhr.“ Ich beobachtete die Blicke und erkannte, dass es stolz war, der die Kollegen erfüllte. Stolz über einen Arbeitstag mit 12-18 Stunden Arbeitszeit. Für manche mag das utopisch klingen, aber auch ich habe während meiner Karriere als Unternehmensberaterin nicht selten solche Tage gehabt und auch ich erinnere mich, dass es damals dazu gehörte und man Anerkennung und Wertschätzung genoss, wenn man möglichst lange arbeitete.

Arbeitszeit als Indikator für Leistung?

Lange Arbeitszeiten gelten noch immer in vielen Branchen insbesondere im Investmentbanking und bei Unternehmensberatungen als eine Art Statussymbol. Wer lange arbeitet, ist wichtig, so vermutlich der Gedanke.

Ich kenne noch Kollegen von früher, die gerade E-Mails kurz vorm Schlafen gehen, also gegen 2 Uhr nachts versendeten. Viele Kunden hat das beeindruckt und im Team erntete man Anerkennung und Wertschätzung. Ich habe mich schon damals gefragt wie man darauf kommt, dass lange Arbeitszeiten positiv gesehen werden und Kollegen, die schon um 17 Uhr gehen kritisch beäugt werden. In Japan entschuldigt man sich sogar dafür, wenn man früher die Arbeit verlässt. Es ist als ob es zum guten Ton gehört, dass man lange arbeitet. Nicht umsonst gibt es den Begriff des „Facetime“, also möglichst lange visibel für den Chef oder das Team zu arbeiten.

Wer bis 20 Uhr nicht alles erledigt hat, der macht etwas falsch.

Über die Jahre hinweg habe ich immer mal wieder Menschen getroffen, die keine 90 oder mehr Stunden in der Woche arbeiteten und trotzdem erfolgreich waren. Es waren Kollegen, die ihre Prioritäten klar setzten, auch viel erledigt bekamen, aber eben auf eine andere Art und Weise. Bei diesen Kollegen stellte ich fest, dass sie einen hohen Selbstwert besaßen, sie achteten auf ihre Gesundheit, sie aßen gesund und trieben viel Sport. Ich habe mich bemüht genau von diesen zu lernen und sie immer bis ins Detail beobachtet. Sie nahmen sich klare Auszeiten und waren ganz einfach dann auch mal nicht erreichbar. Und es handelte sich dabei sogar teilweise um erfolgreiche Unternehmer. Bei Workaholics mit 90 und mehr Arbeitsstunden kann man oft feststellen, dass gesundes Essen und Bewegung sowie ausreichend Schlaf eher selten hoch priorisiert sind.

Der Drang „gebraucht zu werden“ ist dann teilweise so groß, der Gedanke, dass „ohne mich nichts geht“ ist im Innern manifestiert. Aber: es geht immer. Selbst die größten Dax Konzerne können von heute auf morgen ihre Vorstände ersetzen.

Gründe für lange Arbeitszeiten

Ich denke man kann nicht pauschal sagen, dass lange Arbeitszeiten gut oder schlecht sind, denn grundsätzlich kommt es auf die individuelle Situation an und sicherlich kann man durch lange Arbeitszeiten auch große Erfolge erzielen. Gerade Unternehmer haben in Hochphasen gar keine andere Wahl als all ihre Zeit in die Arbeit zu investieren. Bestes prominentes Beispiel ist zum Beispiel Elon Musk, der Gründer von Tesla und SpaceX.  Über ihn liest man immer wieder, dass er ein extremes Arbeitspensum hat.

Allerdings kommt es auch immer auf das richtige Maß an. Jeder Körper braucht Erholung, das ist wissenschaftlich erwiesen. Ich kenne deshalb sehr viele große und erfolgreiche Unternehmer, die morgens mindestens 15 Minuten meditieren, Yoga machen oder sich ganz bewusst mit sich selbst auseinandersetzen. Ich sehe im Übrigen auch einen Unterschied darin, wenn man Dinge tut, die einen innerlich erfüllen und im Einklang mit dem eigenen Sinn stehen.

Liebe, was Du tust.

Wenn Du liebst, was Du tust und es in Zusammenhang mit deinem Lebenssinn steht, dann sind lange Arbeitszeiten über bestimmte Zeiträume in meinen Augen weniger problematisch. Gerade Beziehungen sollten in dieser Zeit, aber auch nicht aus dem Fokus geraten. Mehr zum Thema findet ihr in einem meiner älteren Blogeinträge „Ziel erreicht und trotzdem nicht glücklich.“

Bei vielen Angestellten steht die Tätigkeit, aber oftmals nicht im direkten Zusammenhang mit dem eigenen Lebenssinn. Als Angestellter hat man zudem wenig Einfluss auf die gesamten Ergebnisse des Unternehmens bzw. ist darüber hinaus auch noch abhängig von anderen. Teilweise ist man gezwungen geschäftspolitische oder abteilungspolitische Entscheidungen mitzutragen, die so gar nicht in Einklang mit der eigenen Meinung stehen. Vor ein paar Wochen hatte ich in einem Coaching eine Frau, die so gar nicht einverstanden mit der Arbeitsweise ihres Chefs war. Allerdings war sie von diesem direkt abhängig und konnte zwar Feedback geben, aber es blieb ihm überlassen, was dieser damit anfing. Und genau hiermit muss man als Angestellter lernen wie man damit umgeht.

Burnout und andere Krankheiten als Folge von langen Arbeitszeiten, Stress und wenig Wertschätzung

In meinem Arbeitsumfeld kenne ich einige Kollegen, die mit Ende 40 bereits ein Burnout hinter sich haben, einen Herzinfarkt, Schlaganfälle oder andere Leiden wie Bandscheibenvorfälle und oder Beschwerden im Bereich der Halswirbelsäule. Meist sind die Auslöser stressbedingt und nicht selten basierend auf mangelnder Selbstliebe und Eigenverantwortung. Für die Wertschätzung des Arbeitgebers und des Teams arbeiten manche Kollegen nächtelang ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit. Bewegung und gesunde Ernährung werden vernachlässigt, aber auch das soziale Umfeld tritt in den Hintergrund. Ein Teufelskreis, der spätestens in beruflichen oder privaten Krisensituationen zum Verhängnis werden kann. Gerade Leistungsmenschen, die ihren Selbstwert daran messen wie „gut“ sie im Job sind, tappen nicht selten in die Falle. Leistungsmenschen, sind besonders anfällig für Burnout, Stress und generelle Unzufriedenheit.

Bin ich ein Leistungsmensch?

Viele Menschen in Leistungsjobs sind große Zweifler an sich Selbst. Sie wirken nach außen sicher, aber sind innen drin leicht erschütterbar. Kritik von der richtigen, ihre Karriere bestimmenden Seite reicht, um den inneren Motor anzuzünden: Der Leistungsmensch arbeitet dann an sich, um besser zu werden. Er schleift Folien, merzt Fehler aus, investiert seine Zeit. (Quelle: Karriereblog Svenja Hofert)

Der McKinsey-Berater Matias Dalsgaard prägte für diese Menschen den Begriff “insecure overachiever”. Solche „insecure overachiever“ sind für Unternehmen die besten Mitarbeiter. Sie gehen immer in Vorleistung, versuchen immer alles „richtig“ zu machen und identifizieren sich voll und ganz mit ihrem Job. Die Selbstunsicherheit der Mitarbeiter führt dazu, dass sie sich nur selten gegen das System auflehnen und immer nur bemüht sind keine Fehler zu machen.

Für sich selbst herauszufinden, ob man ein solcher Mensch ist, hat viel mit persönlicher Reife zu tun. In meinen Coachings ist dieses Thema recht häufig bei Menschen nach 5-10 Jahren in sehr herausfordernden Jobs anzutreffen. Oftmals nach einem Schicksalsschlag.

Einer meiner Coachees war aus gesundheitlichen Gründen 6 Monate mehr oder weniger ans Bett gefesselt. Vor dem Unfall war er ein absoluter Leistungsmensch, der all seinen Selbstwert über die Anerkennung im Job zog. Während seiner Krankheit kam er ins Grübeln. Seine Ehe zerbrach, er hatte kaum echte Hobbies und wenig Lebensziele. Wir arbeiteten dann an Werten, Lebenssinn und der Frage, welcher Mensch er gerne sein möchte.

Leistungsmenschen sind nicht von Geburt an so gepolt, sie werden dazu gemacht.

Oftmals haben auch hier Erfahrungen in der Kindheit eine entscheidende Rolle im Leben. Gerade, wenn man als Kind immer, der oder die Beste sein wollte oder vielleicht musste, findet schnell einen Ansatzpunkt.