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Wie Pferde führen oder was wir als Führungskräfte von Pferden lernen können

Seit meiner Kindheit bin ich mit Pferden in Berührung. Meine Familie hat über mehrere Generationen hinweg Rennpferde, Englische Vollblüter, besessen und gezüchtet. Mein Onkel wurde in England ausgebildet und war sogar Trainer für Rennpferde in Asien. Man kann also sagen mir ist der Umgang mit Pferden in die Wiege gelegt worden. Seit über 30 Jahren arbeite ich nun mit Pferden und seit über 10 Jahren arbeite ich unter anderem als Führungskraft in der Industrie mit Vorständen, Unternehmensleitern, Fach- und anderen Führungskräften zusammen.

Meine Kindheit mit Pferden

Mein Glück war, dass Lehrer und Erzieher mir in der Schule/Kindergarten „Hyperaktivität“ bescheinigten und der Kinderarzt meiner Mutter rieten mich reiten zu lassen.  Geritten bin ich deshalb bereits im Alter von etwa 5 Jahren, mein erstes eigenes Pferd besaß ich bereits mit 9 Jahren, wofür ich meinen Eltern noch heute zutiefst dankbar bin. Auch, wenn ich damals vielleicht noch nicht reif dafür war und man vieles vielleicht hätte anders machen müssen, so habe ich gerade von diesem Pferd auch sehr viel für mein späteres Leben gelernt. Und an alle Eltern: Ruhiger und konzentrierter wurde ich dank der Arbeit mit Pferden dann auch.

Den Grundstein meines heutigen Werteverständnisses hat mir ein Pferd gelegt.

Pferde als Lehrmeister

Ein Pferd ist ist nicht bestechlich und Pferde folgen Dir nur, wenn sie vertrauen. Pferde sind von Natur aus Fluchttiere, sie sind also in erster Linie darauf aus sich in Sicherheit zu bringen und für ihre Sicherheit zu Sorgen. Aber Pferde sind auch extrem aufmerksam und feinfühlig. Ein Pferd spürt, wenn eine Fliege auf seinem Rücken sitzt. Pferde besitzen aufgrund ihrer Eigenschaften die Fähigkeit menschliches Verhalten zu reflektieren.

Pferdegestütztes Coaching

Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Coaches die auf pferdegestütztes Coaching setzen. Ein oft belächelter Ansatz und gerade für männliche Führungskräfte befremdlich wie mir bereits einige Male erläutert wurde. Allerdings hat bisher noch jeder seine vorerst ablehnende Haltung geändert und bei vielen hat sich der anfängliche Respekt auch in eine positive Neugierde Pferden gegenüber gewandelt.

Ich glaube, dass es für ein pferdegestütztes Coaching für Führungskräfte zwei Komponenten braucht: 1. Langjährige Pferdeerfahrung und 2. Persönliche Erfahrung als Führungskraft.

Was kann mir ein Pferd lehren?

Pferde eignen sich hervorragend dazu Verhalten zu spiegeln. Sie können einem Menschen zeigen wie er wirkt und zwar vom ersten Moment an. Mitarbeiter folgen ihren Vorgesetzten häufig auch ohne Vertrauen und machen ihre Arbeit, ein Pferd würde dies wenn überhaupt nur widerwillig tun. Extremer ist es noch bei unklaren und ungenauen Anweisungen. An dieser Stelle wird ein Pferd die Kooperation einstellen und sehr deutlich werden lassen, dass es nicht versteht, was es tun soll. Es wird stehen bleiben anstatt vorwärts zu gehen oder nach links anstatt nach rechts gehen.

Klare Anweisungen

Ein Pferd zu führen, heißt klare Anweisungen zu geben. Es wird nicht reagieren, wenn der Mensch im übertragenen Sinne sagt: „Ich weiß nicht genau, was ich gerade tue, aber mach bitte einfach mal.“ Je weniger ich mir selbst sicher bin, was zu tun ist, desto weniger wird ein Pferd mit mir kooperieren. Wie auch? Es kann ja nicht wissen, was zu tun ist. Mitarbeiter kompensieren dieses Unwissen von Vorgesetzten häufig, Respekt wird dadurch allerdings nicht gefördert. Oft ist einem Chef aber auch gar nicht klar, dass er unklare Anweisungen gibt.

Im Tagesgeschäft geht so manche Struktur und Logik nicht selten verloren, eine E-Mail jagt die andere, es gibt nur kurze und knappe Anweisungen, die häufig unklar sind. Ein Tag mit einem Pferd kann hier heilend sein. Ein Pferd lehrt Achtsamkeit und schult Präzision in der Kommunikation, die über die Jahre vielleicht verloren gegangen ist. Ich hatte in den vergangenen Jahren die ein oder andere Führungskraft, die überrascht war wie wenig er bzw. sie in den letzten Jahren auf eine klare Kommunikation geachtet hat.

Haltung und Körpersprache

In der Arbeit mit Pferden spielt die Haltung, die innere also auch die äußere, sowie die Art wie ich mit meinem Körper umgehe eine entscheidende Rolle. Ein Pferd ist als Fluchttier darauf trainiert kleinste Veränderungen in seiner Umwelt wahrzunehmen. Es merkt also auch wie energetisch ich in meiner Körpersprache bin. Wenn ich mit hängenden Schultern einem Pferd sage, dass es sich nun bitte schneller und voller Energie bewegen soll, wird das Pferd mich nicht verstehen. Es erkennt die Diskrepanz zwischen der verbalen Kommunikation und der nonverbalen Haltung und Körpersprache. Die meisten Pferd ignorieren dann die verbale Aufforderung. Es ist für ein Pferd quasi nicht glaubwürdig.

Nonvervale Kommunikation

Die unbewussten und oder nonverbalen Signale sind bei der Arbeit mit Pferden höchst relevant und machen nicht selten den großen Unterschied in der Zusammenarbeit. Wir Menschen untereinander sind auch in der Lage unbewusste und nonverbale Signale zu deuten, allerdings sind wir wesentlich ungeübter darin und beachten sie viel zu selten.

Bedeutung von Authentizität

Die wenigsten von uns sind zum Führen geboren und gerade viele Führungskräfte werden ob sie wollen oder nicht irgendwann vor diese Aufgabe gestellt. Leider stelle ich sehr oft fest, dass so manche Führungskraft fachlich ein Genie ist, aber zwischenmenschlich große Defizite aufzeigt. Führungsqualitäten werden viel zu selten geprüft oder ausreichend gelehrt und rein fachliche Kompetenzen überlagern die meisten Beförderungsentscheidungen. Darüber hinaus will auch nicht jede Führungskraft führen, was in den allermeisten Unternehmen gar nicht bedacht wird.

Ein Pferd allerdings wird sofort merken, wenn ein Mensch nicht Führen kann. Unsicherheit oder gar Angst kann ein Mensch vor keinem Pferd verstecken. Authentizität ist den meisten Menschen nicht in die Wiege gelegt, aber man kann und muss sie lernen. Da Pferde sehr intuitiv reagieren, muss die Autorität, Ruhe und Überzeugungskraft vom Menschen tatsächlich gelebt und verinnerlicht sein, um ein Pferd davon zu überzeugen bedingungslos und freudig zu kooperieren. Auch Mitarbeiter spüren, ob Chefs authentisch sind oder nicht. 

Pferde als Feedbackgeber

Mit Pferden ist es ein bisschen wie mit Kindern, sie geben Dir ein sehr aufrichtiges und ungefiltertes Feedback. Im chinesischen gibt es ein Sprichwort, das lautet: „Dein Pferd ist Dein Spiegel. Ärgerst Du Dich über Dein Pferd, kannst Du Dich genauso gut über Dich selbst ärgern.“ An diesem Sprichwort ist so viel wahres dran und es ist auch genauso gut übertragbar. Der Spiegel einer Führungskraft sind zum großen Teil seine Mitarbeiter. Gute Menschen ziehen gute an, schlechte wiederum nur schlechte.

Ein Pferd erkennt eine schwache Führungskraft sofort, denn es wird in Gegenwart einer solchen Person sofort versuchen der „Chef“ zu sein. Es ist nicht an der Person als solche interessiert, sondern nur am Verhalten und darüber zieht es seine Rückschlüsse und entscheidet, ob es vertraut oder nicht. Und auch im Berufsleben sollte jede Führungskraft zunächst Vertrauen zu den Mitarbeitern aufbauen und dies als Basis für jegliche Zusammenarbeit verstehen.

Ein Selbst-Erfahrungsprozess

Die Arbeit mit Pferden ist ein Selbst-Erfahrungsprozess und ich kann sie jedem Menschen nur empfehlen. Um diese Erfahrung machen zu können, braucht man keinerlei Pferdeerfahrung. Es ist sogar manchmal von Vorteil, wenn man sich mit Pferden vor einem Coaching noch nie auseinander gesetzt hat. Das Feedback ist so meistens noch viel ausgeprägter und deutlicher.

Dieses Jahr erschien auch auf der Handelsblatt Webseite ein Artikel dazu.

 

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